24.09.2019

Interview mit Brigitte Riebe über «Wunderbare Zeiten»


Die goldenen Jahre

Für die drei Thalheim-Schwestern brechen turbulente Zeiten an. Nach dem Wiederaufbau ihres Kaufhauses am Ku’damm laufen die Geschäfte bestens. Mit den Wirtschaftswunderjahren ändert sich einiges, von der neuesten Mode aus Italien bis hin zu ganz großen Träumen.


Falls Ihr Band 1 noch nicht kennt, dann wird es jetzt höchste Zeit. Brigitte Riebe nimmt euch im zweiten Teil der 50er-Jahre-Trilogie mit in die aufregende Welt von Aufbruch, Petticoats und Rock 'n' Roll. 

Das Interview

Im Mittelpunkt des zweiten Teils Ihrer großen 50er-Jahre Trilogie steht die mittlere Schwester Silvie. Was macht sie aus und was unterscheidet sie von ihren Schwestern?
Silvie, meine 'Heldin' in Band 2 ist lebenslustig, impulsiv, sinnlich und neugierig. Ein Magnet, was die Männerwelt betrifft – aber sie hat leider die Tendenz, sich die Falschen herauszusuchen. Doch im Lauf des Romans wird sie reifer und erkennt, worauf es für sie in der Liebe ankommt. Im Gegensatz zur älteren Schwester Rike reagiert sie direkter und unmittelbarer auf alles, was ihr begegnet, und sie zeigt viel Herz (manchmal vielleicht sogar zu viel). Silvie hat keine Angst vor Veränderungen und stellt sich mutig und unerschrocken dem Leben, das sie als Tanz empfindet. Aber sie ist durchaus auch in der Lage zu reflektieren, und so rettet sie ihre rebellische jüngere Schwester Florentine, genannt Flori, aus so manch prekärer Situation …

Sie sind promovierte Historikerin und haben schon über viele Stoffe der deutschen Geschichte geschrieben. Warum haben Sie sich für Ihre Kaufhaus-Trilogie für die 50er Jahre entschieden und warum für den Schauplatz Berlin?
Die fünfziger Jahre sind die Zeit des Neuanfangs nach dem Krieg – optimistisch, bunt, voller Vorsätze — das Jahrzehnt, in dem ich selbst zur Welt gekommen bin. Ich habe den Rhythmus jener Zeit im Blut, die Gerüche in der Nase, ich weiß, wie Petticoats rascheln. Aber natürlich gab es im besiegten Deutschland niemals eine Stunde null: Die Schrecknisse und Gräueltaten der Nazizeit lagen als dunkle Last über dem Land, auch wenn viele sie am liebsten sang- und klanglos unter den Teppich gekehrt hätten. Dieser Gegensatz zwischen Schuld und Hoffnung, der jede Familie betroffen hat, hat mich besonders gereizt – und wo hätte man ihn besser erzählen können, als in der Vier-Mächte-Stadt Berlin, die schließlich für Jahrzehnte in West und Ost geteilt wird?

Bei einem Roman über ein Kaufhaus darf die Mode natürlich nicht zu kurz kommen. Was verbinden Sie mit der Mode der 50er Jahre?
Was für eine Mode für Frauen! Sinnlich, weiblich, fröhlich und bunt! Röcke schwingen, Taillen werden geschickt in Szene gesetzt, Frauen dürfen noch Busen haben (und ihn in schönen Dekolletés auch zeigen). Ein Schwelgen in Mustern und Farben, aus unserer heutigen Betrachtung manchmal sogar einen Tick zu viel, aber witzig, einfallsreich – alles ist auf einmal möglich. Ich bin als Kleine in die Stöckelschuhe meiner Tanten geschlüpft und schon mal Probe gelaufen, unter den Tisch gekrochen, wenn weiblicher Besuch kam, weil ich das Knistern der Nylons so aufregend fand und vor Glück ausgerastet, wenn die jüngste Schwester meiner Mutter zum Übernachten bei uns blieb und ich mal kurz ihre Petticoats anziehen dufte. Ach, nur ganz schnell groß werden …

Können Sie schon verraten wie es weiter geht mit den Thalheim-Schwestern?
Sehr gerne. In Band 3 steht Florentine im Mittelpunkt des Geschehens, jüngste der Schwestern, eine spannende Mischung aus Sensibilität und Rebellentum, gesegnet mit großem künstlerischem Talent. Aus Faulheit und Verweigerung zweimal durchs Abi gerasselt, erkämpft sie sich dennoch mutig den Zugang zur Hochschule der Künste — eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern wird, auch wenn sie das Studium nicht abschließen kann, weil sie erkennt, wie sehr die Familie ihre Unterstützung braucht … Ich stecke noch mitten im Schreiben und muss bekennen, dass mir gerade die Recherchen in der Kunstszene ganz besondere Freude bereiten. Eigenhändig Pigmente anreiben: wie ungemein spannend!


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