27.01.2021

«Als das Leben wieder schön wurde»


Liebe Frau Sgonina, Ihr Roman handelt von drei Frauen, die in den 50er Jahren einen Schönheitssalon eröffnen. Wie ist die Idee zu diesem Stoff entstanden?


Ich gehe selten zum Friseur und schnippele mir selbst meist hier, mal da ein paar Strähnen ab. Doch irgendwann ging es nicht mehr anders, der Blick in den Spiegel deprimierte mich, und so buchte ich nach langer Zeit endlich wieder einen Termin. Ich hatte vollkommen vergessen, wie schön es ist, wenn jemand anderes einen so betüddelt. Da saß ich also mit geschlossenen Augen, zurückgelehnt in meinen Stuhl, als mir der Gedanke kam, wie viel schöner es noch für die Frauen im Nachkriegsdeutschland gewesen sein musste, ihre Sorgen und Ängste zu vergessen – jedenfalls für ein paar Augenblicke –, umsorgt zu werden, vielleicht, wenn sie Lust dazu hatten, über das zu sprechen, was sie bewegte, in einem geschützten Kreis. So kam mir die Idee zu einem Schönheitsmobil, das im Jahr 1954 durch Hamburg fährt. Es sollte ein Zufluchtsort werden, ein Platz, an dem die Frauen unter sich waren und an dem sie ihre Seelen baumeln lassen konnte. 



In Pandemiezeiten würden sich bestimmt viele Frauen ein Schönheitsmobil wünschen, um sich mal eben vor der Haustür die Haare schneiden zu lassen…


Sicher! Und Greta, Marieke und Trixie würden sich bestimmt auch etwas einfallen lassen, um das unter Einhaltung der Regeln möglich zu machen. Ich finde, man kann in gewisser Hinsicht noch eine weitere Parallele ziehen: Auch jetzt müssen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln lernen, mit einem veränderten Alltag zurechtzukommen. Meine Hauptfigur Greta hat kein Geld für teure Zutaten für ihre Cremes, Masken und Peelings. Also greift sie zu dem, was vorhanden ist: Sie bedient sich an der Natur, reichert mit Gänseblümchen und Meerrettich Cremes an, benutzt Kaffeesatz und tupft den Kundinnen Butter auf die Stirn. Ihre Freundin und Kollegin Trixie schneidert Kleider selbst, da weder sie noch die meisten Frauen, die das Schönheitsmobil betreten, sich eines von Dior leisten können. Aus den Gegebenheiten das Beste machen zu versuchen ist ein gutes Motto auch für heute. Es lässt einem nicht mit einem lähmenden Gefühl zurück, sondern macht Mut.



Greta, Marieke und Trixie lernen sich 1954 in Hamburg kennen und werden zu Freundinnen, dabei könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Was verbindet sie dennoch?


Greta bringt frischen Wind mit nach Hamburg, sie ist zugewandt, offen, ein fröhlicher Typ, eckt aber mit ihrer direkten Art auch manchmal an. Marieke ist die Lauteste in der Runde, anfangs wirkt sie auf Greta sogar ein bisschen einschüchternd, doch das legt sich im Nu. Trixie ist der Ruhepol, eher schüchtern und in sich gekehrt, doch auch sie kann stur sein. Alle drei verbindet Neugier auf die Welt und der Wunsch, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, was in den 50ern für eine Frau nicht einfach war. Sie schätzen und respektieren einander, lieben ihre Arbeit, den unmittelbaren Kontakt mit ihren Kundinnen und die Nähe, die sich in der Enge eines mobilen Schönheitssalons unweigerlich einstellt.



Greta ist in Schweden aufgewachsen und kommt nach vielen Jahren nach Hamburg zurück. Was war für Sie so reizvoll an dieser Konstellation?


Als Schwedin hat Greta den Krieg nicht am eigenen Leib erlebt; ihr Blick auf das Nachkriegsdeutschland ist daher ein anderer. Ich glaube, dass die meisten Deutschen ihre Schuld durchaus erkannt haben, viele jedoch haben sie derart verdrängt, dass sie einen Teil von sich nicht mehr spürten. Greta muss, als sie nach Hamburg kommt, nichts mit aller Kraft beiseiteschieben, lernt aber schmerzlich, dass auch ihre Familie von Schuld nicht frei ist. Ganz im Gegenteil, die Suche nach ihrer im Krieg verschollenen Mutter fördert Schmerzliches zutage. Ich glaube, dass auch die nachfolgenden Generationen noch „Kriegsleid“ mit sich herumtragen, eine Art ererbtes Trauma, wie es ja vielfach auch schon wissenschaftlich beschrieben wurde. Ich finde es wichtig, sich auch heute noch damit auseinanderzusetzen und die Sprachlosigkeit, die nach dem Krieg herrschte und lange Zeit Bestand hatte, weiter aufzulösen zu versuchen.



Was macht die 50er Jahre für Sie aus?


Aus Erzählungen innerhalb der Familie weiß ich, wie eingeschränkt das Leben für die meisten Frauen damals war: Meine Mutter durfte kein Abitur machen, geschweige denn studieren, da sie zwei Brüder hatte, in deren Bildung investiert wurde. Nachdem die Zwanziger und die Dreißiger einen neuen Frauentyp etabliert hatten, gab es nun einen gewaltigen Schritt zurück. Somit sind die 50er für mich alles andere als eine bunte, aufregende, sehnsuchtsvolle Zeit; nichtsdestotrotz fesselt mich, dass die Frauen auch damals für ihre Träume kämpften und den Lebensmut nicht verloren  …



Was verbindet Sie mit Hamburg?


Ich kam mit 18 Jahren nach Hamburg, machte dort mein Abitur, studierte (oder versuchte es) und habe meine ersten Erfahrungen im Arbeitsleben gesammelt, die damaligen Jahre waren also sehr prägende und aufregende. Für mich fühlt sich Hamburg wie Heimat an, nirgendwo sonst (und ich bin oft umgezogen und könnte somit für mehrere Orte Ähnliches empfinden) hüpft mir das Herz, wenn ich in die Stadt hineinfahre. Da ist immer dies Gefühl, endlich zu Hause zu sein, ein Fisch um Wasser, was zu Hamburg natürlich auch gut passt 



Wie sieht Ihr Alltag beim Schreiben aus? Haben Sie eine bestimmte Routine?


Ich brauche meinen Computer, da ich mit der Hand viel zu langsam bin, um alle Gedanken mitzuschreiben; gut ist, wenn noch eine Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch steht, und falls sogar Ruhe im Haus herrscht, ist alles wunderbar. Ich starte früh gegen halb acht, mache mittags eine kurze Pause und schreibe – wenn Schule ist –, bis meine Kinder nach Hause kommen. Danach tippe ich hier und da noch einen Gedanken, aber ich bin auf jeden Fall ein Morgenmensch und schreibe abends nur, wenn ein Abgabetermin naht. Ich habe noch eine weitere Routine: Um nicht in das gefürchtete Loch nach der Abgabe eines Romans zu fallen, entwickle ich immer schon parallel eine neue Geschichte. So gibt es etwas, auf das ich mich freuen kann, wenn ich im Endspurt vor Stress gerade nicht mehr geradeausdenken kann; zudem kann ich mich, so paradox es klingt, nirgends besser vom Schreiben erholen als damit, zu schreiben.



Können Sie schon verraten, woran Sie gerade arbeiten?


Der Roman, an dem ich momentan sitze, ist wieder ein Blick zurück, also ein zeithistorischer Stoff. Und besonders schön: Er spielt erneut in meiner Lieblingsstadt Hamburg!


  • Coverbild Als das Leben wieder schön wurde

    Kerstin Sgonina

    Als das Leben wieder schön wurde

    Mit Lippenstift und Lebensmut. Drei Frauen bringen mit ihrem mobilen Schönheitssalon Farbe in das Hamburg der 50er Jahre.
    1954 sind die dunklen Jahre vorbei, die Wunden des Krieges jedoch noch lange nicht verheilt. Greta Bergström hat fast ihr gesamtes Leben in Stockholm verbracht, bei ihrer Ankunft in Hamburg ist der Himmel über der Stadt so grau ...

    zum Buch
    Preis: € 20,00
    Seitenzahl: 512
    Wunderlich
    ISBN: 978-3-8052-0045-5
    26.01.2021
    Erhältlich als: Hardcover, e-Book

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