12.01.2021

Das Interview mit Miriam Georg


Liebe Miriam, Elbleuchten ist die faszinierende Liebesgeschichte der reichen Reederstochter Lily und dem Hafenarbeiter Jo. Er ist zwar bessergestellt als viele andere seiner Kollegen, für sie aber trotzdem so arm, dass sie es sich gar nicht vorstellen kann. Was interessierte Dich beim Schreiben besonders an der Dynamik zwischen den beiden Protagonisten?


Das ist eine sehr gute Frage. Zunächst einmal wollte ich ein Buch schreiben, das die gängigen Genrekonventionen der Familiensaga ein bisschen umkehrt – hier gibt es nicht die Tochter, die das Familiengeschäft übernehmen will, aber auch nicht den wohlhabenden Gutsbesitzer, der sich in das arme Bauernmädchen verliebt. 


Lily und Jo leben in einer Stadt, aber in vollkommen gegensätzlichen Realitäten, die eigentlich keinerlei sichtbare Überschneidungspunkte haben. Die Kluft in der Gesellschaft war damals in vielen Dingen noch wesentlich stärker ausgeprägt als heute, wir bekommen immerhin ein Bild oder einen Eindruck davon, wie andere Menschen leben. Damals aber war es noch möglich, sich vollkommen abzuschirmen – und genau das hat man mit den jungen Damen der Oberschicht getan. Ich fand es faszinierend, wie unglaublich ahnungslos sie von der (meist sehr düsteren) Lebensrealität der breiten Masse waren. Sie wurden absichtlich von ihren Familien und später ihren Ehemännern von diesen Dingen ferngehalten, durften keinen Schritt – und ich meine wirklich keinen Schritt! – ohne eine Gouvernante tun. Man hatte immer Angst um ihren Ruf, ihre MoraI, die Sitten im Allgemeinen und hielt sie in Abstand zu allem, was diese in Gefahr bringen könnte. Dass Lily und Jo aufeinandertreffen, verdanken sie also nur einem riesigen Zufall. 


Als Lily beginnt, sich gegen ihre Bestimmung aufzulehnen, kann anfangs nicht einmal Jo sie verstehen. Sie hat doch alles, was man sich nur wünschen könnte, gehört zu den reichsten Frauen der Stadt, sollte sie da nicht glücklich und zufrieden sein? Auch er muss erst lernen, umzudenken. Durch Literatur, durch Austausch mit anderen und den Frauenzirkel begreift er schließlich, warum es ihr plötzlich nicht mehr genügt, das zu tun, was alle anderen Frauen machen. Aber es ist ein langer Weg dorthin, und wenn man sich das Frauenbild der Zeit anschaut, wird einem klar, warum es ihm zuerst so schwerfällt. 


Lily und Jo sind in beinahe allen Aspekten ihres Lebens unterschiedlich, es gibt anfangs kaum Gemeinsamkeiten. Daher habe ich ihnen für den Prozess des Verliebens lange Zeit gegeben. Mir war es wichtig, dass es eine leidenschaftliche Liebe ist, aber eine Liebe, die darauf basiert, dass man den anderen wirklich kennt, sich in seine Persönlichkeit und nicht in Äußerlichkeiten verliebt. Lily und Jo öffnen einander die Augen, lernen voneinander, übereinander und miteinander. Am Ende des Buches haben beide einen deutlichen Wandel durchgemacht, kaum noch etwas gemein mit den Figuren, die sie am Anfang der Geschichte waren. Sie verlieben sich in die Menschlichkeit des jeweils anderen, ungeachtet von Konventionen und Stand – und das wird ihnen sehr, sehr schwer gemacht.


Offensichtlich sind Dir die Beziehungen zwischen den Frauen im Roman ein großes Anliegen. Lily gelangt durch ihre neue Freundin Emma in einen Frauenzirkel und lernt die Ideen der Frauenbewegung kennen. Die unterschiedlichsten Frauenfiguren nehmen die unterschiedlichsten Positionen ein – Lilys Mutter Sylta; die Großmutter Kittie; die Frau des verunglückten Arbeiters, Alma, Lilys Freundin, die Ärztin Emma, die in Hamburg nicht praktizieren darf … Ist es realistisch, wie Du diese Frauen beschreibst? 


Lily will etwas tun, das damals im Kaiserreich für eine Frau ihren Standes undenkbar war: Sie will arbeiten. Aber dass es überhaupt zu diesem Wunsch kommt, verdankt sie sehr glücklichen Umständen: Ohne die Inspiration ihrer Freundin Emma würde ihr Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen. 


Mich irritiert es oft, wenn Menschen in Büchern oder Filmen von Geburt an gegen das System rebellieren. Diese Dinge entstehen mit der Zeit, sie müssen einen Anstoß von außen bekommen, man muss erst mal durchschauen, dass die gesellschaftlichen Systeme, von Menschen gemacht und dadurch auch reversibel und bekämpfbar sind. Und genau das versuchen die Frauen von Emmas Zirkel in Elbleuchten. Sie sind inspiriert von Frauenrechtskämpferinnen aus anderen Ländern wie Amerika oder England, wo diese Bewegung damals schon weiter fortgeschritten war. Ihre Darstellung ist also durchaus realistisch, wenn ein Zirkel wie der ihre auch für das Kaiserreich zu dieser Zeit noch etwas absolut Ungewöhnliches war. 


Bei den Recherchen zu meinem Buch wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, dass Frauenrechte damals (es ist wirklich noch nicht so lange her!) buchstäblich nicht existierten. Frauen wurden nicht einmal als Bürgerinnen gesehen, duften nicht wählen und oft auch nicht arbeiten, ihre Väter und später die Ehemänner hatten Entscheidungsgewalt über alles. Für reiche junge Damen wie Lily beschränkten sich Leben und Ausbildung ausschließlich auf Haushalt und Kinder, und oft wurden ihnen sogar diese Aufgaben weitestgehend abgenommen. Ihnen wurde eingetrichtert, dass eine Frau still und fügsam zu sein habe, gebildet nur bis zu einem gewissen, salonfähigen Grad, aber bitte nicht darüber hinaus. Vorzeigbar, lustig und unterhaltend, wenn gewünscht, aber ansonsten am besten unsichtbar, eine Zierde des Hauses, aber eine stille: ähnlich wie ein Möbelstück. Doch nicht nur in der Oberschicht wurden die Frauen kleingehalten, durch alle Gesellschaftsschichten hindurch wurden sie als Menschen zweiter Klasse angesehen und sahen sich auch selbst so. Ledige Frauen durften meist nicht einmal baden, tanzen oder ins Theater gehen, und wenn sie es doch taten, wurden sie dafür verachtet und verspottet. Alles war davon abhängig, ob eine Frau einen Mann hatte, wer mit 30 nicht verheiratet war, konnte es auch gleich aufgeben. Ich wollte in Elbleuchten zeigen, dass es damals egal war, ob Frauen reich oder arm aufwuchsen, sie hatten trotzdem mit der gleichen Lebensrealität zu kämpfen: Frauen hatten keine Rechte, weder in der Familie noch in der Gesellschaft. Und so gut wie niemand stellte es in Frage.


Durch die verschiedenen Generationen und ihre oft gegensätzlichen Ansichten wird deutlich, wie sehr diese Dinge dem Wandel der Zeit unterworfen sind. Die Frauen des Zirkels haben etwas Entscheidendes verstanden: die Regeln der Gesellschaft, die damals alles bestimmen, sind nicht gottgegeben, ja meist nicht einmal sinnvoll. Sie sind mit der Zeit gewachsen, folgen teilweise vollkommen irrationalen Idealen, und vor allem sind sie eins: veränderbar. Dass dies aber ein langer, harter Kampf war, wissen wir heute nur allzu gut. In den letzten Jahren habe ich tatsächlich öfter die Aussage gehört, und leider oft von Frauen selbst, dass man sich nicht mehr für Frauenrechte einsetzen müsse, denn wir seien ja längst emanzipiert und gleichgestellt. Dass das auf vielen Ebenen schlicht nicht stimmt, ist klar, aber ich wollte mit dem Buch zeigen, wie neu und wackelig diese vermeintliche Gleichstellung ist, wie hart erkämpft von unglaublich mutigen Frauen, denen wir es mit verdanken, dass wir heute so leben können, wie wir es tun. Sie wurde uns nicht geschenkt, es war ein langer, steiniger Weg, der noch nicht beendet ist und es vielleicht niemals sein wird. Ganz zu schweigen vom Kampf der Menschen, die sich nicht im zweigeschlechtlichen System verorten, der gerade erst an Fahrt aufnimmt. Einen Schritt in die Geschichte zurückzugehen und sich die Anfänge anzuschauen, hilft dabei, sich all das zu vergegenwärtigen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass in vielen anderen Ländern die Realität auch heute noch erschreckend der des 19. Jahrhunderts im Kaiserreich gleicht.


Elbleuchten spielt in Hamburg zum Ausklang des 20. Jahrhunderts. Du beschreibst die Stadt Hamburg in einem umfassenden, grundlegenden Wandel. Viele bekannte und beliebte Orte in Hamburg gehören zu den Schauplätzen: der Hamburger Michel, Jungfernstieg, Alster und Hafen … Aber auch Orte, die heute unbekannt sind, weil es sie gar nicht mehr gibt. Was hast Du über das Hamburg von früher herausgefunden?


Hamburg sah vor 130 Jahren tatsächlich vollkommen anders aus, als wir es kennen. Dort wo heute die Elbphilharmonie thront, stand damals der Kaiserspeicher A, den ich auch im Buch erwähne, die Mönckebergstraße wurde erst geplant, über eine mögliche Untergrundbahn gerade mal gemunkelt. Die Gängeviertel sind heute vollständig abgerissen, und man kann sich kaum mehr vorstellen, wie es damals aussah: Sie galten als die schlimmsten Slums Europas, waren der Schandfleck der Stadt, ja des Kontinents, wucherten unkontrollierbar vor sich hin und waren Brutstätten für Krankheiten und Seuchen wie die Cholera-Epidemie, die 1892 in Hamburg ausbrach und viele Leben kostete. Arme und Reiche lebten nicht nur in unterschiedlichen Realitäten und nach unterschiedlichen gesellschaftlichen Regeln, sie lebten buchstäblich in verschiedenen Städten. Der Kontrast zwischen den Villen von Elbchaussee und Bellevue und den Gängevierteln hätte größer gar nicht sein können. 


Besonders faszinierend fand ich auch, dass 1886 in Hamburg erst ein einziges Kontorhaus existierte: der Dovenhof, der Pate stand für das Kontorhaus, in dem die Reederei Karsten im Buch ihren Sitz hat. Wenn man an das alte Hamburg denkt, kommen einem eigentlich automatisch Speicherstadt und Kontorhäuser in den Sinn – aber die gibt es noch gar nicht lange! 1886 ist Hamburg eine Stadt im Wandel, an der Schwelle zur Industrialisierung. Der Fortschritt nimmt unaufhaltsam seinen Lauf, genau wie heute wurde auch damals unermüdlich gebaut, vergrößert und verändert. Lilys und Jos Welt ist im Untergang begriffen, heute existieren von ihr nur noch Spuren. Umso dankbarer bin ich, dass ich sie durch Elbleuchten wieder ein bisschen zum Leben erwecken konnte. 


Ein besonderer Fokus liegt auf der Hafenarbeit in all ihren Facetten: aus der Sicht der reichen Reederfamilie Karsten. Aus der Sicht des Werftbesitzers Oolkert – des Widersachers in diesem Roman. Und aus der Sicht der Hafenarbeiter. Warum dieses Thema?


Der Hafen war der Motor der Wirtschaft, das pulsierende Herz der Stadt, das Tor zur Welt, er ist sehr alt, hat eine unglaublich interessante Geschichte. Damit bietet er ein vielseitiges und buntes Setting, über das man ewig erzählen könnte. Hunderte unterschiedliche Berufsgruppen kamen (und kommen) hier zusammen. Er steht bildhaft für den Wandel, die Industrialisierung, aber auch die Klassengesellschaft, das Gefälle zwischen Arm und Reich – und die Unterschiede zwischen Mann und Frau, denn der Hafen war und bleibt vorwiegend eine Männerdomäne. Zu Lilys und Jos Zeiten bauten wohlhabende Reeder und Werftbesitzer ihr Vermögen viel mehr als heute auf dem Rücken der Arbeiter auf. Die Alltagsrealitäten dieser Arbeiter haben mich bei der Recherche zum Roman besonders fasziniert, ich konnte manchmal nicht glauben, unter welchen Bedingungen sie lebten, was sie geleistet haben, habe mit offenem Mund gelesen, was von ihnen verlangt wurde und wie wenig sie dafür vergütet wurden. Mein Erstaunen darüber spiegelt sich auch in Elbstürme wider, dem zweiten Band meiner Hamburg-Saga, in dem es vermehrt um den Arbeiterkampf gehen wird. 


  • Coverbild Elbleuchten

    Miriam Georg

    Elbleuchten

    DAS LEUCHTEN EINER NEUEN WELT
    Lily Karsten ist Tochter einer der erfolgreichsten Reederfamilien Hamburgs. Sie lebt in einer Villa an der Bellevue und träumt von der Schriftstellerei. Sie glaubt, dass sie ihren Verlobten Henry liebt.
    An einem heißen Sommertag 1886 hält sie bei einer Schiffstaufe die Rede, als plötzlich eine Windbö ihren Hut in die ...

    zum Buch
    Preis: € 10,00
    Seitenzahl: 640
    rororo
    ISBN: 978-3-499-00344-8
    26.01.2021
    Erhältlich als: Taschenbuch

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